Paneuropäisches Picknick 1989
KISALFÖLD EXCLUSIV - Dienstag, 19. August
1997
Von ILDIKÓ BÓDVAI, Fotos: SZILVIA CSIBI
Phantasie und Mut waren gefragt
"Wenn ein Mensch als kleines Licht Geschichte schreibt,
begreift er nicht sogleich die Bedeutung seiner Tat. Erst viel später
kommt er darauf, dass er Teilnehmer an historischen Ereignissen gewesen
war. Ich danke dem Schicksal, dass ich an diesem Tag dabeisein durfte.
Ich bin glücklich, dass es etwas gibt, was ich meinen Enkelkindern
weitererzählen kann" - äusserte sich Jahre später
László Nagy, einer der Organisatoren des Paneuropäischen
Picknick.
Hier begann der Fall der Berliner Mauer
Zahlreiche Umschreibungen stehen dieser Veranstaltung an der Wende der Geschichte Europas zu. Viele behaupten, der Fall der Berliner Mauer begann hier. Eines aber ist sicher, Phantasie und Mut war von Nöten dazu, dass einige Leute an der Wurzel des gefürchteten verhassten "Eisernen Vorhanges" eine politische Grossversammlung organisierten. Seither wurden die Ereignisse von vielen auf Vielerart kommentiert. Diesmal lassen die ehemaligen Organisatoren und Zeitzeugen die Ereignisse, ihre persönlichen Erlebnisse noch einmal aufleben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
Dr. László Magas: - Maria Filep von der Organisation des Debrecener MDF wandte sich Ende Juni 1989 mit der Bitte an die Führung des Demokratischen Forum in Sopron: was wäre, wenn am 19, August am Ort des "Eisernen Vorhanges" ein Picknick für 150-200 Personen veranstaltet würde? Der Gedanke wurde auch von Otto Habsburg unterstützt, der damals einen auserordentlich erfolgreichen Vortrag in Debrecen über die Paneuropäische Bewegung abgehalten hatte. Dort wurde die Frage aufgeworfen, was wäre, wenn wir uns beim nächsten Mal an der westlichen Landesgrenze treffen würden und ein Lagerfeuer zum Zeichen der Freude entfachen würden, dass endlich damit begonnen worden war, das Symbol des geteilten Europa, den "Eisernen Vorhang" abzubauen. Wir sagten dem Ansuchen sofort zu. 1989 war ein besonderes Jahr in der ungarischen Geschichte. Das Land hatte einen erfolgreichen 15. März, dei Beerdigung von Imre Nagy und seinen Märtyrerkameraden hinter sich. Wir dachten, wir (darunter verstehen wir die Soproner Opposition am runden Tisch - EKA) dürfen den Schwung nicht verlieren und auch wir planten aus diesem Grund für den 20. August etwas Besonderes. In die Organisationsarbeiten für das Picknick wurden von Anfang an die Mitglieder des EKA miteinbezogen.
Zsolt
Szentkirályi: - Das Programm für den 20. August wurde
nicht ausführlich ausgearbeitet, aber wir hatten Grosses vor, da es
gelungen war auch hier in Sopron die Erinnerung an den einstigen 15.
März und die Erinnerung an die durch den
Prozess von Mosonmagyaróvár am 15. Juni hingerichteteten
Märtyrer wachzurufen. Beide Male waren Tausende auf den Beinen. Es
wäre politisch töricht gewesen diese Möglichkeit ausser
acht zu lassen. Auch das Picknick vom 19. erschien als eine gute Idee.
Wir sahen jedoch bald ein, dass es unmöglich ist, an zwei aufeinanderfolgenden
Tagen eine bedeutende Menschenmasse zu bewegen. Schliesslich entschieden
wir uns für das Picknick und überlegten - entgegen des Ansuchens
der Debrecener - dass dies nicht ein Speckbraten im engeren Kreis werden
soll, sondern eine massenbewegende Veranstaltung.
Zuerst versuchten wir einen geeigneten Ort zu finden.
1989 war ein besonderes Jahr in der ungarischen Geschichte
Dr. László Magas: - Bei der Auswahl des Ortes spielte eine wichtige Rolle, dass er viele Menschen aufnehmen kann, mit dem Autobus erreichbar ist, dass wegen der Verstärkungs- und Bühnentechnik die Stromversorgung gelöst werden kann und dass dort noch abzubauender "Eisernen Vorhang" vorhanden ist. Zur Vorgeschichte der Veranstaltung zählt noch, dass wir im Frühjahr ein Schreiben an den damaligen Innenminister István Horváth sendeten, in dem wir die Grenzöffnung an jenen Grenzübergangsstellen anstrebten, an welchen schon von 40 Jahren blühender Handel zwischen Ungarn und Österreich betrieben worden war. Die ursprüngliche Idee, das Picknick wurde auf diese Weise vom Gedanken der Grenzöffnung ergänzt, die eigentlich von den Sopronern stammte. Einer der gekennzeichneten Orte lag zwischen Fertõrákos und Szentmargitbánya (St. Margarethen) - auf der ehemaligen Pozsonyer (Pressburger) Strasse - einem ungenutzten Grenzübergang. Zur Glaubwürdigkeit gehört, dass damals, als die Idee geboren wurde, die Zeit des Sommerurlaubes noch nicht begonnen hatte. Niemanden kam es in den Sinn, dass Ostdeutsche das Land "überlaufen" würden.
Zoltán
Kóczán: - Uns bat man darum, dass wir die Genehmigungen
der örtlichen Grenzwache für solch einen Ort einholen sollten,
an dem der Grenzstreifen zu sehen ist, wo noch "Eisernen Vorhang"
vorhanden ist, welcher dann dort vor Ort demonstrativ zerstückelt
werden kann. Im August dab es nur noch wenige solcher Stellen, da der Abbau
des Sicherheitsgürtels in dieser Region schon im Mai begonnen hatte.
Nachdem wir den Ort in Sopronpuszta entdeckt hatten, musste die Zuliefer-Diensteinheit
gebaut werden. Eine Bühne musste gebaut, Latrinen gegraben, gemäht
werden: insgesamt musste das Gelände für eine politische Grossversammlung
hergerichtet werden. In jeder Partei gab es 10-15 Personen, die eingeteilt
wurden.
László Nagy: - Heute scheinen solche Dinge nebensächlich,
aber damals hatten wir sehr wohl unsere Befürchtungen, dass aus irgendeinem
formellen, aus der Luft gegriffenem Grund die Veranstaltung abgeblasen
wird. Politisch konnte man es zwar nicht mehr tun, jedoch hätte die
Gesundheitsaufsichtbehörde oder jede andere Organisation zu jeder
Zeit eingreifen können.
Dr. Pál Csóka: - Anfang August gab es in Szentmargitbánya (St. Margarethen) das sogennante "Weinfest". Damals fuhren wir, mit Laci Nagy und Gabi Lõrincz hinüber, um auch die Österreicher für die Idee der Öffnung des Grenzüberganges zu gewinnen. Dort fragten wir den ersten Polizisten auf dem Hauptplatz im Ort, wo wir den Bürgermeister finden können. Er sagte, wir sollen nirgendwohin gehen, sondern warten, da der Bürgermeister, Andreas Waha, in ein paar Minuten als Redner beim Weinfest eintreffen wird. So war es dann auch. Nach Vortragen unserer Idee war Herr Waha verblüfft. Seine Frage war - "Wie wir uns das vorstellen?" Der Gedanke jedoch gefiel ihm, er half uns und ebnete uns den Weg bei den österreichischen Behörden für unsere Angelegenheit. Die österreischischen Grenzjäger und die sonstigen Behörden entschieden sich verhältnismässig schnell. Von ihrer Seite erhielten wir dann auch die amtlichen Genehmigungen.
Viele nutzten bewusst die Möglichkeit,
um ihren ostdeutschen
Freunden und Verwandten aus dem Land zu helfen
Dr. László Magas: - Über die Veranstaltung
wurden auch deutschsprachige Informationsblätter
erstellt, auf denen die Landesgrenze und der Veranstaltungsort des
Picknicks detailliert aufgeführt waren, diese eber waren in erster
Linie den Burgenländern zugedacht. Natürlich wussten wir, dass
diese auch die Ostdeutschen erreichen würden, aber ich sage ehrlich.
Bis zum letzten Moment hätte ich nicht geglaubt, dass solche Massen
von Menschen hierherkommen und hier probieren werden, in die ersehnte freie
Welt zu gelangen. Heute bin ich überzeugt, dass die Möglichkeit
von vielen bewusst ausgenutzt wurde, um ostdeutsche Freunde und Verwandte
ausser Landes zu bringen. Das deutsche Fernsehen widmete der Veranstaltung
durchgehend grosses Interesse. Interresant ist auch, dass man uns einige
Tage vor dem Picknick aufsuchte, um sich den Ort des Geschehens zeigen
zu lassen. Man war neugierig zum Beispiel auf solche Dinge, z.B. wie ist
der Stand der Sonne am Nachmittag um drei Uhr, wie muss man sich mit der
Kamera positionieren, damit die Aufnahmen gelingen. Im Nachhinein hörte
ich, dass die in den das Picknick vorausgehenden dort angefertigten Videoaufnahmen
an jenen Orten gezeigt wurden, wo sich die Ostdeutschen zahlreich aufhielten.
Zsolt Szentkirályi: - In den Vortagen zum Picknick hörten
wir schon davon, dass in den verschiedenen provisorisch eingerichteten
Lagern, Campings, die Informationsblätter die Runde machten. Aber
bis zum letzten Moment rechneten wir nicht mit dem massenhaften Auftreten
der Ostdeutschen. Höchstens soviel war uns bewusst, wenn sie kommen,
wird es interresant. Wenigstens können sie sehen, dass wir hier, wenn
auch vorübergehend, die Grenze öffnen. Vielleicht tun dann auch
sie etwas, für den Fall der Berliner Mauer. Und das taten sie dann
auch. Vielleicht hätten sie gar nicht mehr tun können.
István
Róka, Unterleutnant der Grenzwache, diensthabender Befehlender
am Ort der Grenzöffnung:
- Die Idee der Veranstaltung war für uns neu und überraschend
zugleich. Trotzdem erhielten wir die notwendig Bewilligung von unseren
Obersten. Am Tage des Picknicks konnten wir spüren, dass sich die
Menschen ausserhalb der Linienführung des ehemaligen elektrischen
Meldesystems in grösserer Zahl sammeln. Wir waren über die Ostdeutschen
informiert, aber wir vertrauten darauf, dass alles so ablaufen wird, wie
geplant. Oder wer über einen Pass verfügt, Österreicher
und Ungarn, kann die geöffnete Grenze übertreten, die Ostdeutschen
nehmen zur Kenntnis, dass sie kein dafür gültiges Dokument besitzen.
László Nagy: - Teil des Programmes vom 19. war eine Pressekonferenz, die wir im Hotel Lövér organisierten und wo ich auch selbst dolmetschte. Obwohl es stimmt, dass Einladungen an viele Stellen versendet worden waren, war ich dennoch überrascht, als ich ankam, denn mehr als hundert Berichterstatter und Gäste waren anwesend. Mit solch einem Interrese hatten wir nicht gerechnet. Aus allen Teilen der Welt, sogar aus Japan waren Fernsehgesellschaften und Journalisten anwesend. Selbstverständlich waren die meisten von ihnen Deutsche. Es erschienen auch Otto Habsburg, seine Tochter Walburga, die dann bei der Grossversammlung die Nachricht ihres Vaters verlies. Botschafter und Konsule waren erschienen. Auch György Konrád war da. Imre Pozsgay damaliger Staatsminister wurde durch seinen Sekretär László Vass vertreten. Er traf mit Verspätung ein, dadurch verzügerte sich die Pressekonferenz und wir waren nicht pünktlich um 15 Uhr zum geplanten Termin für die Grenzöffnung zur Stelle. Aus diesem Grund verpassten sozusagen alle damaligen Organisatoren den bekannten Augenblick des Grenzdurchbruches. Dem vorherigen Programm gemäss hätten wir mit den Ehrengästen in zwei Autobussen direkt zur Grenze fahren sollen, um das 40 Jahre lang geschlossene Tor feierlich zu öffnen.
Ungeheuer viele Autos an den Strassen
Péter
Kótai: - Nur für diesen einen Tag wollte man den Grenzübergang
öffnen. Es war so, dass wir nach der feierlichen Öffnung des
Grenzüberganges nach Szentmargitbánya (St. Margarethen) hinübergehen
sollten, dort sollte der Bürgermesiter auf dem Hauptplatz eine Rede
halten und wir wären dann zusammen zum Ort des Picknickes zurückgekehrt.
Daraus wurde dann nichts.
Wir konnten gar nicht mit dem Bus bis zur Grenze fahren, da ungeheuer viele
Autos an der Strasse standen.
Gegen drei Uhr begann sich auf der österreischischen und der ungarischen
Seite schon ein zeimliche Menschenmenge zu versammeln.
János Rumpf: - Auch ich sah mich nach einem Parkplatz um, da der Tumult schon ziemlich gross war. Der Boden war weich und die Autofahrer trauten sich nicht auf die Wiese, um nicht einzusinken. Auf einmal blickte ich nach hinten und verblüfft sah ich, das von der Stelle des Zentralprogrammes - an die wir die interessanten Programme geplant hatten - die Leute im Gänsemarch über das Weizenfeld in Richtung Grenze marschierten. Erst nach einer Weile begriff ich, dass die Ostdeutschen in Bewegung geraten waren. Ich kann nicht sagen, dass ich sehr erfreut gewesen war, hatten wir ins als Organisatoren doch den Grenzorganen verpflichtet. Wir hatten die Verantwortung dafür übernommen, dass alles in Ordnung geht, das kein "Unbefugter" in die Nähe der direkten Grenze gelangt. In Nachhinein kann ich das vorausgegangene Interesse der deutschen Fernsehgesellschaften damit erklären, dass diese das Gebiet erkundeten und den kürzesten Weg zur Grenze herausfinden wollten. Auch wir Einheimische konnten uns bei den Vorbereitungen nur schwer orientieren, wie sollte das dann ein Fremder schaffen, der zum ersten Mai in seinem Leben dort ist. Diese Leute jedoch gingen schnurstracks pfeilgerade in Richtung Baum.
István Róka: - Es gab Anzeichen dahingehend, dass möglicherweise grössere Menschenmengen in Richtung Grenze ankommen können, jedoch wusste man nicht, wer diese Leute waren, Ungarn oder Deutsche. Noch dazu kamen sie nicht in einer Menge, sondern von hier und dort, zum Teil aus der waldigen Umgebung. Genau um 15 Uhr erwarteten wir die offizielle Delegation, sie verspätetetn sich jedoch wegen der "Verzögerung" bei der Pressekonferenz. Einige Minuten vor der geplanten Grenzöffnung konnten bemerken, dass sich die Laute in ca. 100 m von der Stelle entfernt schon in geordneten Reihen - fast in geschlossener Formation - in Richtung Tor in Bewegung setzten. Wir fühlten, hier gibt es einen Fehler, denn die Leute waren nicht im weissen Hemd mit gebügelter Hose gekommen, sondern zerzaust, verletzt, abgehetzt. Da war auch schon zu sehen, das eine Gruppe bestimmt und zielstrebend Richtung Grenze ging. Innerhalb von kürzester Zeit gab es sehr viele Leute auf beiden Seiten. Auf der österreichischen Seite auf den Masten, auf Zäunen und auf Bäumen. Die Gendarmen waren kaum in der Lage die Leute herunterzuholen. Zur Wahrheit muss auch noch gesagt werden, dass dort in diesem Moment nichts von dem "grossen" europäischen Frieden zu bemerken war. In der vorstrebenden Menschengruppe liefen vorne die harten, trainierten Männer, in der Mitte die Frauen und Kinder. Auf einmal blieb die Menge stehen, eine Sektkorkenknall war zu hören, was wahrscheinlich bedeutete, jetzt wagen wir es. Und tatsächlich, schnell wie ein D-Zug wurden die Passkontrolleure von der Menge überrant, war das Tor in einem Schwung durchbrochen. Waffen hatten wir zwar, aber der Schiessbefehl war schon ausser Kraft. Ich weiss nicht, ob irgendjemand in der Lage gewesen wäre etwas zu tun. Ich habe mich nicht im Stande gesehen. Weder die Kraftverhältnisse, noch der Ort, noch die Kürze der Zeit machten eine Gruppe von grösserem Ausmass gewaltsam die Staatsgrenze überschritten hat. Es war eine Erleichterung, als auch der Kommandant später die Lage ebenso beurteilte: zu diesem Zeitpunkt gab es keine Möglichkeit die Menschenmenge aufzuhalten.
Ein Kind fiel aus dem Schoss seiner Mutter
Tamás
Lobenwein: - Ich ging als Fotoreporter zur Stelle des Geschehens. Meine
Aufgabe bestand darin, die Ankunft der Delegation auf dem Hauptplatz in
Szentmargitbánya (St. Margarethen) zu fotografieren. Mein Plan war
es die Ankunft an der Grenze abzuwarten. Gegen halb drei waren nur zwei-drei
Österreicher zu sehen, die anderen versammelten sich auf dem Hauptplatz
des Dorfes. Dann hatte ich so ein Gefühl, als sollte ich doch an die
Grenze zurückkehren, vielleicht würde ja die Delegation in der
Zwischenzeit eintreffen. Es ist nämlich sehr peinlich wenn man ein
Ereignis versäumt. Als ich zurückkam versammelte
sich auf beiden Seiten der Grenze eine riesige Menschenmenge. Ich machte
einige Aufnahmen, dachte mir aber noch nicht Besonderes. Auf einmal hörte
ich ein Schreien und in diesem Moment stemmte man sich von ungarischer
Seite gegen das Tor, das Scharnier brach und der rechte Torflügel
öffnete sich. Ich dachte mir noch, warum müssen sich die Ungarn
so ungestüm benehmen, wo doch alle über die Grenze bemerkte,
sah ich, dass es Ostdeutsche sind. Es war ein herzzereissendes Erlebnis.
Immer erinnern wird man sich an das Kind, das während dem Fliehen
aus dem Schoss fiel und ein ungarischer Soldat der Grenzwache es aufhob
und der Mutter hintrug. Dies spielte sich in den Momenten des
Grenzdurchbruches ab, aber es schien, als ob die Soldaten die Lage
zur Kenntnis genommen hätten. Noch nach Stunden konnte man die Grenze
einfach überschreiten.
Zsolt Szentkirályi: - Wir gelangten mit der Delegation so
gegen halb vier vor Ort. Kaum war ich aus dem Bus ausgestiegen lief ein
zivil gekleideter Oberstleutnant des Innenministerium auf mich zu und reagierte
ziemlich heftig, es wäre so nicht besprochen gewesen. Was wusste ich
zu diesem Zeitpunkt von dem Durchbruch der Ostdeutschen. Die anderen erzählten
mir dann, ob lachend oder leichenblass, das mehrere hundert Ostdeutsche
das Tor durchbrochen hätten und über die Grenze gelaufen wären.
Um es ehrlich einzugestehen, in diesem Moment dachte ich nicht daran, dass
hier der Fall der Berliner Mauer beginnt, sondern dass man uns deshalb
zur Verantwortung ziehen wird.
Dr. László Magas: - Den Durchbruch habe ich auch
nicht gesehen, aber die darauffolgenden Stunden bleiben für immer
in meiner Erinnerung, ebenso wie das Paneuropäische Picknick selbst.
Vom Nachleben lohnt es sich noch zu erwähnen, dass die eingetretenen
Ereignisse die damalige ungarische Regierung sichtlich unerwartet trafen,
denn am Folgetag wurde der gesamte Grenzabschnitt der Region Sopron geschlossen.
Die Arbeiterwehr war an den Strassenkreuzungen present und die Ostdeutschen
wurden mit Gewalt zur Umkehr bewegt. Nach dem Grenzdurchbruch war die Regierung
gezwungen eine Entscheidung zu treffen: Sie konnte das gleiche Gesicht
nicht beiden Grossmächten zeigen. Schliesslich wurde am
10. September gut entschieden. Ungarn wählte Europa. Sopron erkämpfte
sich 1989 neben dem Titel "Der treueste Stadt" auch den Titel
"Stadt der Treue zu Europa", denn der Fall der Berliner Mauer
begann tatsächlich in Sopron. Kanzler Helmut
Kohl formulierte es am Festtag zur Einheit der beiden deutschen Staaten
so: "Die Erde unter dem Brandenburger Tor ist ungarische Erde."
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